Zweimal Italien, zwei Welten. Der Klassiker in Mugello Ende Mai schien wie eine Zementierung neuer Machtverhältnisse in der MotoGP. Aprilia flog zum Doppelsieg und ihre beiden Werkspiloten Jorge Martin sowie Marco Bezzecchi schienen den Titel unter sich auszumachen. Seitdem sind sieben Rennen vergangen und der König hat das Zepter wieder übernommen. Nach dem Doppel in Misano hält Marc Marquez erstmals in der Saison 2026 die Führung inne. Motorsport-Magazin.com blickt auf eine erstaunliche Aufholjagd.
Marc Marquez übertrumpft Teamkollege Bagnaia: Größte Aufholjagd der MotoGP-Geschichte
Ausgerechnet Marquez' kriselnder Teamkollege Francesco Bagnaia hatte uns vor vier Jahren demonstriert, dass gewaltige Aufholjagden in der Königsklasse möglich sind. 'Pecco' überkam damals ein Rekord-Defizit von 91 Punkten auf Fabio Quartararo. Diesen Wert hat die Nummer 93 nun sogar überboten. Nach Mugello lag er 102 Punkte hinter dem damals führenden Marco Bezzecchi. Marquez hat also erneut Geschichte geschrieben, wobei wir fairerweise aber noch erwähnen müssen, dass es 2022 noch keine Sprint-Punkte zu holen gab.
Doch gibt es im Vergleich zu damals noch einen weiteren entscheidenden Unterschied. Quartararos Yamaha fiel im technischen Vergleich immer weiter hinter die Ducati Bagnaias zurück. Das bessere Motorrad entschied die Weltmeisterschaft. Das kann 2026 nicht behauptet werden. Die Aprilia RS-GP ist der Ducati GP26 absolut ebenbürtig, wenn nicht gar leicht besser. Dennoch kam es zur großen Aufholjagd des Marc Marquez.
Befreiter Marc Marquez liefert Sieg um Sieg, doch es gehören zwei dazu
Einerseits hat der Weltmeister trotz der Einschränkungen seiner rechten Schulter wieder zur Form gefunden. Vier Sprint- und fünf Grand-Prix-Siege an den letzten sieben Wochenenden sprechen eine deutliche Sprache. Deswegen führt er die WM auch gegen den punktgleichen Jorge Martin an, denn dieser hat bisher nur einmal am Sonntag triumphiert. Marquez betont, er fühle sich nun endlich wieder frei. Es ist ein Erfolgslauf, der nur durch die schnellen und körperlich anspruchsvollen Rechtskurven von Assen und Silverstone unterbrochen wurde. Im folgenden Diagramm können wir die Entwicklung seiner Aufholjagd seit Mugello sehen:
Doch an dieser Darstellung sehen wir auch den weiteren springenden Punkt: Für eine solch gewaltige Wende braucht es immer zwei Seiten. Nicht umsonst stellte Marquez nach seinem Misano-Sieg fest: "Ich habe damals [nach Mugello, Anm. d. Red.] nicht an die Meisterschaft gedacht. Sie lag nicht mehr in meiner Hand. Unsere Gegner haben uns dann aber Geschenke gemacht und die schmeckten sehr süß."

Aprilia-Piloten versagen zu oft: Martin und Bezzecchi schenken Vorsprung her
Tatsächlich spielte Aprilia den Santa Claus im WM-Kampf. Ai Ogura nahm sich durch einen Motocross-Unfall aus dem WM-Kampf, während Jorge Martin und Marco Bezzecchi an den Rennwochenenden Federn ließen. Beim 'Martinator' ist hier natürlich vor allem das Verursachen des Startcrashs in Ungarn zu nennen, als er einen Strike im Aprilia-Bowling landete. Sein Boss Massimo Rivola war damals 'not amused':
Ansonsten war das Problem des Spaniers zumeist eher unzureichende Pace als Fehler. In Misano erwischte ihn dann aber auch noch die MotoGP-Volkskrankheit 'Armpump'. Das Fehlerregister seines schnelleren Teamkollegen Marco Bezzecchi ist länger. Neben seiner unentschuldbaren Tätlichkeit und der anschließenden Sperre in Brünn gab es weitere folgenschwere Rückschläge: Highspeed-Crash in Assen, Sturz am Sachsenring samt Schlüsselbeinbruch und nun der Abflug in der ersten Runde beim zweiten Heimrennen. In unserem Video fassen wir euch dieses Debakel von einem Sonntag für 'Bezz' noch einmal zusammen.
Marc Marquez hat Oberwasser, doch Ducati bleibt gewarnt: Aprilia wird harter Gegner bis zum Ende!
Und so kamen in der 102-Punkte-Rechnung letzten Endes zwei Dinge zusammen: Ein wiederauferstandener Marc Marquez - der immer dann gewinnt, wenn der Körper es zulässt - und ein auf die Nase fallendes Aprilia. Im Mai hatten wir noch getitelt, dass der WM-Titel nur über Aprilia führe. In der Teamwertung ist dies sicherlich auch weiterhin der Fall, doch im Kampf um die Fahrerkrone haben sie nun bereits zu oft versagt und ihren einst klaren Vorteil aus der Hand gegeben.

Ausnahmekönner Marc Marquez hat das Angebot im Rekordtempo angenommen. Dennoch bleibt Ducati auf der Hut. "Die Saison ist immer noch lang. Es wird Strecken geben, auf denen Aprilia im Vorteil ist, wie in Indonesien. Am Ende sind wir stolz und glücklich, in Misano gewonnen zu haben, doch wir respektieren Marco Bezzecchi, Jorge Martin und Aprilia. Sie werden bis zum Ende harte Gegner sein", warnte Team-Manager Davide Tardozzi direkt nach dem Sieg in Misano am Mikro von ServusTV. Im Sinne einer spannenden WM bleibt zu hoffen, dass der erfahrene Italiener recht behält. Der Trend der letzten Wochen spricht aber eine klare Sprache für seinen Schützling.
Wie bewertet ihr die Lage im WM-Kampf? Zieht Marc Marquez jetzt durch oder warnt Davide Tardozzi zurecht vor starken Aprilia-Strecken? Sagt es uns in den Kommentaren.



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