Hat das Performance-Bild von McLaren am Spielberg getäuscht? In jeder Formel 1-Trainingssession war ein McLaren in den Top-4 zu finden, in den ersten beiden Qualifying-Segmenten sogar in den Top-2. Doch im alles entscheidenden Q3 hatten Lando Norris und Oscar Piastri plötzlich nichts mehr im Kampf um die ersten beiden Startreihen mitzureden.

"Ich glaube, alle - auch wir selbst - hatten wahrscheinlich ein bisschen mehr erwartet, zumindest aus Sicht der Positionen", gab Lando Norris nach Platz sechs im Qualifying zu. "Aber man hat gesehen, wie eng es war." Auf Polesetter George Russell fehlten dem Weltmeister knapp vier Zehntelsekunden, auf den Drittplatzierten Lewis Hamilton waren es hingegen nur 94 Tausendstel. Auch Norris und Piastri trennten nur wenige Tausendstel. "P7 fühlt sich wie eine realistische Abbildung dessen an, wo wir im Moment stehen", meinte Oscar Piastri.

Wieder Probleme am McLaren des F1-Weltmeisters

Beide McLaren-Piloten stimmten überein, dass es eine "außergewöhnliche Runde" gebraucht hätte, um am Sonntag in Österreich ein paar Positionen weiter vorne zu stehen. Doch mit dem aktuellen Paket sei das schlicht nicht drin. "Solche Runden kommen generell nicht oft vor – und vor allem sind sie in dem Auto, das wir im Moment haben, schwer herauszuholen", erklärte Norris. Während des Q1 entdeckten die Ingenieure an seinem Wagen einen Riss im hinteren Bremslüftungskanal. Zunächst versuchte man das Problem mithilfe von Kleber zu lösen, doch der Riss breitete sich weiter aus.

Man entschied sich daher zwischen Q1 und Q2 dazu, den beschädigten Bauteil zu wechseln. "Wir wussten, dass das etwa zehn Minuten dauert, deshalb wollten wir sicherstellen, dass wir den Run noch rechtzeitig beenden, um dann mit dem neuen Teil wieder rausfahren zu können", erzählte Teamchef Andrea Stella. Er geht davon aus, dass das Teil bereits im Freien Training beschädigt worden war. "Wir haben versucht herauszufinden, ob das durch eine bestimmte Kerb-Belastung verursacht wurde, aber wir haben diesbezüglich keine Auffälligkeiten gefunden. Deshalb glauben wir, dass der Schaden möglicherweise an anderer Stelle entstanden ist und sich dann im Qualifying weiterentwickelt hat", so Stella.

Norris klagt über unberechenbares Heck

Es war nicht das erste Problem, das an diesem Wochenende an Norris' Wagen auftauchte. Im FP1 verbannte ihn ein Hydraulikleck 45 Minuten lang in die Box, zudem wurde der geplante Test eines experimentellen Heckflügels kurzfristig abgesagt. Doch all diese Dinge bereiten Stella keine schlaflosen Nächte und sind auch nicht die Hauptgründe, warum McLaren der Konkurrenz in Silber hinterherhinkt. "Wenn es um unseren Rückstand auf Mercedes geht, liegt dieser zwischen drei und vier Zehnteln. Das verteilt sich ungefähr zu 70 Prozent auf die Kurven und zu 30 Prozent auf die Geraden", analysierte Stella. Norris wird noch spezifischer und erklärt, dass das Heck des MCL40 zu instabil und unberechenbar sei.

"Im Moment ist das Heck des Autos einfach nicht dort, wo es sein muss", betonte der Brite. "Wir haben das Gefühl, dass wir auf einer Strecke wie dem Red Bull Ring relativ leicht mehr Frontabtrieb hinzufügen könnten. Mehr Frontflügel lässt sich schnell einstellen und ist auch effektiv. Aber wir können nichts tun, um dem Heck mehr Unterstützung, Stabilität und Vertrauen durch zusätzliche aerodynamische Last zu geben. Deshalb müssen wir auf neue Teile und bessere Komponenten warten, die das Auto hinten stärker runterdrücken und stabilisieren." Norris Aussage wird von unserer Grafik untermauert, die zeigt, dass beide McLaren-Piloten am Ausgang von T1, T7 und der letzten Kurve haben:

Zudem verliert McLaren wie schon am Freitag auf den Geraden:

Es ist also kein Wunder, dass Stella auch Handlungsbedarf in puncto Power Unit sieht, da das "Geschwindigkeitsdefizit dort ziemlich deutlich ist". So sei auf den Overlays klar zu erkennen, dass McLaren gegenüber Mercedes auf den Geraden mindestens ein bis eineinhalb Zehntelsekunden verliert. Eine versteckte Kritik an Mercedes, die immerhin die Power Unit an McLaren liefern? Es wäre nicht das erste Mal. Schon nach der Schlappe beim Saisonauftakt in Australien übte Stella deutliche Kritik, nur um wenige Wochen später wieder auf Schönwetter zu machen. Es ist eben ein politisch gefährliches Spiel, öffentlich gegen den eigenen Motorenlieferanten zu schießen.