Die Polerunde von George Russell beim vergangenen Formel-1-Wochenende in Österreich sorgte für kontroverse Diskussionen. Denn der Mercedes-Fahrer setzte seine Bestzeit, obwohl zwischen den letzten beiden Kurven eine gelbe Flagge für den verunfallten Max Verstappen galt. Trotzdem war alles regelkonform, wie die Stewards feststellten, denn Russell war 100 Meter früher vom Gas gegangen.

Das reichte als Reaktion auf die Gelbphase aus, nur bei Doppel-Gelb hätte er seine Runde abbrechen müssen, beziehungsweise wäre diese dann ohnehin gestrichen worden. Russells Teamkollege Andrea Kimi Antonelli trat genau in dieses Fettnäpfchen und brach seinen Umlauf ohne Not ab, was den schnellsten Fahrer des Rennens um einen Startplatz in der ersten Reihe brachte und damit auch um eine deutlich bessere Chance auf den Sieg in Spielberg.

George Russell besser vorbereitet? Danner: "Die meisten kennen die Regeln nicht"

F1-Experte Christian Danner fand im AvD Motorsport-Magazin lobende Worte für die konforme und rundenzeitmäßig perfekt getimete Regelauslegung, die der Brite im Affekt aus dem Cockpit heraus durchführte. "Man muss dem George Russell schon ein extra Kompliment machen, dass er im Gegensatz zu den meisten anderen die Regeln kannte", urteilte Danner positiv.

Er erinnerte sich auch daran, dass Russell im Vorjahr bei einem ähnlichen Vorfall ebenfalls richtig reagiert hatte, nämlich als er in Miami am gestrandeten Haas von Oliver Bearman vorbeigefahren war, und dabei nur um 25 Prozent lupfte. Im Regelwerk ist nirgendwo genauer aufgeführt, wie stark ein Fahrer unter Gelb verlangsamen muss. Es heißt nur, dass die Geschwindigkeit "deutlich" reduziert werden muss - also entweder indem er vom Gas geht, oder indem er auf die Bremse tritt -, und ein Pilot darauf vorbereitet sein muss, die Richtung zu ändern.

Für die Regelhüter war 2025 Russells leichtes Lupfen ausreichend, entsprechend behandelte man auch den Qualifying-Vorfall auf dem Red Bull Ring mit demselben Maßstab. Bereits nach dem Qualifying hatte Alexander Wurz auf den Präzedenzfall aus Miami aufmerksam gemacht und diesen als Begründung angeführt, dass Russell zu Recht straffrei geblieben ist.

Danner geht davon aus, dass der inzwischen neuerlich WM-Zweite nicht zufällig genau perfekt die Waage aus Regelerfüllung und Rundenzeit-Optimierung getroffen hat. "Das sind natürlich Erfahrungswerte und auch ein gewisses Maß an Akribie in der Vorbereitung", ist er überzeugt.

Christian Danner nimmt F1-Fahrer in die Pflicht: Bekommen alles über Funk gesagt

Für ihn ist klar, dass die anderen F1-Fahrer diesem Beispiel folgen müssten. "Egal, ob das jetzt sicher oder unsicher war. Was zählt, ist, dass ich im Cockpit über das, was hier unter Umständen renn- oder Qualifying-entscheidend ist, Bescheid wissen muss", fordert der 36-fache Grand-Prix-Starter. Erst recht sei das der Fall, wenn man in der Formel 1 fährt und dabei auch noch ein stattliches Millionen-Salär verdient.

Seiner Ansicht nach verlassen sich die Piloten in der modernen Königsklasse zu sehr auf ihre Renningenieure an der Boxenmauer: "Die [heutige] Zeit in der Formel 1 ist eine Zeit, in der die Fahrer alles, jeden Furz, über Funk mitgeteilt bekommen und in einem solchen Fall ist es dann doch ganz gut, wenn man selbst die Regeln gelesen hat."

Der ehemalige Formel-1-Fahrer, der am Österreich-Wochenende einen Brabham BT52 im Zuge der alljährlichen Legendenparade gefahren ist, ist davon überzeugt, dass er in seiner aktiven F1-Zeit ebenfalls die Gelb-Regeln ausreichend kannte. "Das wusste ich und hätte ich auch selbst umsetzen können", so Danner. Gleichzeitig gibt er zu, dass er auch damals "nicht der Beste im Regellesen" war.

Regelwissen beschert George Russell den Österreich-Sieg

In Österreich erwies sich die Regelkunde von Russell nicht nur für das Qualifying-Ergebnis als entscheidend, sondern letztendlich auch für das Formel-1-Rennen am Sonntag. Denn Russell behielt über die gesamte Renndistanz (netto) die Führung, seine Pace hinterließ dabei über weite Strecken aber keinen so guten Eindruck wie jene von seinen Verfolgern Max Verstappen und Antonelli.

Am Ende brachte der nun siebenfache Grand-Prix-Sieger seine Führung mit weniger als zwei Sekunden Vorsprung über die Ziellinie. Aufgrund dieses Rennverlaufs glaubt Danner, dass Russell ohne die Pole Position nicht den Sieg geholt hätte. Was Christian Danner zu den weiteren Diskussionspunkten aus dem Rennen zu sagen hat, könnt ihr euch hier anschauen:

Weltmeister Verstappen? Danner: Klar, Max ist ein Terminator! (39:46 Min.)