Es war der bei weitem beste Grand Prix von Red Bull und Max Verstappen in der Formel-1-Saison 2026. Nur 1,611 Sekunden betrug der Rückstand auf den Sieger George Russell im Ziel, und den zweiten Mercedes von Kimi Antonelli hatte Verstappen sogar schlagen können. Je genauer man sich das Rennen allerdings in der Analyse betrachtet, desto stärker wird der Eindruck, dass Verstappen hätte gewinnen müssen.
Vonseiten Red Bull kalkuliert man prinzipiell nach dem Rennen auch, dass Russell aus dem Spitzentrio am Sonntag der langsamste Fahrer gewesen sei. "Kimi war wahrscheinlich der Schnellste, und Max auch schneller", meint Teamchef Laurent Mekies. "Aber der Startplatz zählt auch, und so sind wir hier gelandet."
Max Verstappen bezahlt Qualifying-Crash mit Hamilton-Blockade
Mit seinem Crash im Qualifying hatte sich Verstappen jedenfalls um eine potenziell bessere Ausgangsposition gebracht. Pace hatte der in Österreich geupdatete Red Bull reichlich. Im ersten Q3-Schlagabtausch war Verstappen auf dem dritten Platz gelegen, mit nur 61 Tausendstel Rückstand. Die Ferraris kamen nur an ihm vorbei, weil sie ihren zweiten Q3-Schuss bei einer schneller werdenden Strecke sauber über die Bühne brachten, während Verstappen selbst dabei eben crashte.
So musste Verstappen das Rennen statt von P3 von P5 in Angriff nehmen, und wurde schon sehr früh von den seine Hinterreifen nicht mehr unter Kontrolle bekommenden Lewis Hamilton aufgehalten. Das zeigt Verstappens Rückstand bis zum ersten Stopp schon anschaulich. Er verlor etwas Zeit in Zweikämpfen am Start, war dann gleich schnell wie der Führende Russell, bis er auf Hamilton auflief. Kaum bog Hamilton zum Stopp ab, war Verstappen schneller als Russell.
Hamilton war durch den frühen Boxenstopp in Runde 12 doppelt nervig. Mit den neuen Reifen konnte er einen Undercut-Vorteil herausfahren, der garantierte, dass er vor Verstappen blieb, als dieser in Runde 18 stoppte. Bis Runde 22 dauerte es, um sich des Ferrari per Überholmanöver auf der Strecke zu entledigen. Trotzdem war er - eigentlich kaum zu glauben - nur 3,8 Sekunden hinter Russell, als in Runde 25 ein Virtuelles Safety Car für einen ausrollenden Williams aktiviert wurde.
Aston-Martin-Problem kostet Max Verstappen 10 Runden harte Arbeit
Verstappens Tag der Weltmeister-Blockaden wurde nun noch schlimmer. In einer nicht im TV-Bild eingefangenen Szene blieb er auf dieser VSC-Runde nämlich hinter dem aus der Box kommenden Fernando Alonso stecken, der nicht am Limit des VSC-Zeitendeltas fuhr, aber kein augenscheinliches Problem hatte, weswegen Verstappen ihn natürlich nicht überholen durfte.
Als das Rennen eine Runde später freigegeben wurde, hatte Verstappen hinter Alonso fast zwei Sekunden verloren. Der Grund ist ein Kuriosum. Alonso schien nach seinem Stopp eine Benzin-Alarmmeldung auf seinem Lenkrad bekommen zu haben und wurde von seinem Ingenieur zu einem komplizierten Reset ("Green Default C 2-5, dann zweimal OK") aufgefordert. Den Aston-Martin-Sensoren schien die Hitze von Spielberg gar nicht zu bekommen. Auch ein späteres Tempovergehen machte Alonso an so einem Problem fest.
Umgerechnet kostete Aston Martins Unvermögen fast zehn Runden harte Arbeit. So lange brauchte Verstappen, um diese auf Russell verlorene Zeit wieder zuzufahren. Die Grafik unterhalb illustriert, dass er andernfalls schon ab Runde 35 - also praktisch genau zu Rennhalbzeit - bis auf eine Sekunde an Russell hätte dran sein können.
Warum wagt Red Bull beim zweiten Stopp gegen Russell keinen Undercut?
Dieser Abstand ist insofern relevant, als dass man sich bei unter zwei Sekunden in den Undercut-Gefahrenbereich begibt. So viel kann der Hintermann theoretisch durch einen Stopp eine Runde früher mit neuen Reifen dank des hohen Abbaus in Österreich herausfahren. Verstappen hatte das beim ersten Stopp bereits vorgemacht.
Da war er in Runde 18 mit 5 Sekunden Rückstand auf Russell zum Stopp gekommen. Als Russell eine Runde später nach seinem Stopp zurück auf die Strecke kam, war die Lücke auf unter 3 Sekunden geschrumpft. Obwohl der Red-Bull-Stopp mit 3,07 Sekunden kein guter gewesen war. Der zweite Verstappen-Stopp war mit 2,13 dafür sogar der Drittschnellste gewesen.
Sobald Verstappen auf unter 2 Sekunden dran war, wurde es also haarig für Russell. Wobei der Alonso-Faktor tatsächlich hier nachrangig wird. Ohne ihn wäre die Gefahrenzone größer gewesen. Aber Verstappen war auch so in Runde 39 erstmals auf 1,5 Sekunden an Russell dran. Aber Red Bull zückte die Undercut-Karte nicht. Vier Runden wartete man zu, ehe Mercedes zuerst zuckte und Russell zu einem proaktiven Verteidigungs-Stopp rief.
Warum hatte Red Bull diese vier Runden tatenlos zugesehen? Wirklich erklären lässt es sich nicht. Zwei Faktoren kann man ins Feld führen. Einmal war es noch ein langer Weg. Mercedes und Russell hielten ihren Stopp in Runde 28 für recht früh. Und dann lagen Oscar Piastri und Lewis Hamilton ungefähr 15 respektive 16 Sekunden hinter Verstappen. Ein Boxenstopp kostet in Spielberg etwas über 20 Sekunden. Bei einem frühen zweiten Stopp lief er also Gefahr, die beiden auf ihren alten Reifen einzuholen.
Aber das Risiko schien vertretbar, etwa in Runde 41 zu stoppen. Bei 30 noch zu fahrenden Runden und 4 Sekunden Spielraum zu Hamilton war Platz für einen Undercut-Versuch. Unabhängig davon, dass Piastri und Hamilton in einen eigenen Zweikampf verstrickt waren und bald stoppen mussten - was sehr bald sein würde, weil Hamilton sich auf alten Soft-Reifen festgefahren hatte. Aber erst als beide das in Runde 42 taten, schickte Red Bull einen "Box opposite"-Funkspruch, also die Anweisung, das zu tun, was Russell nicht tat.
Warum stoppte Verstappen danach erst so spät?
Nur hatte auch Mercedes die beiden verschwinden gesehen und rief sofort Russell zum Vorsorge-Stopp. Red Bull blieb jetzt nichts anderes übrig, als Verstappen länger draußen zu lassen, um ihm einen Reifenvorteil zu verschaffen. Das ist nur bei so einem Rennen mit hohem Reifenabbau immer eine schwierige Taktik. Verstappen konnte auf seinen alten Hard-Reifen einfach keine guten Zeiten mehr fahren.
In 6 Runden verlor Verstappen 9 Sekunden auf Russell, von denen er bis ins Ziel nur 8 wieder aufholen konnte. Ob ein etwas früherer Stopp etwas gebracht hätte, lässt sich schwer sagen. Früher zu stoppen bedeutet im Umkehrschluss schließlich ein geringerer Reifenvorteil. Und Russell teilte sich seine Reifen im letzten Stint sehr gut ein.
Schnellster Mann war im Rennen nur nach Pace wohl wirklich Kimi Antonelli. Im Mittelstint auf den harten Reifen sah er erneut deutlich schneller aus als Russell, und im letzten Stint war in seinen Rundenzeiten anders als bei Russell und Verstappen eigentlich kein nennenswerter Pace-Einbruch zu sehen, obwohl er pushen und eine Lücke zufahren musste.
Aber Antonelli hatte sich das Wochenende mit einer wilden Startrunde verbaut, nach der er Verstappen und beide Ferrari vor sich hatte. Er versuchte bei beiden Boxenstopps länger draußenzubleiben, aber auch das ging im ersten Stint schief: "Ich hatte ein paar Fehler und verlor wohl eine oder eineinhalb Sekunden pro Runde, weil ich einmal fast in Kurve 4 und einmal fast in Kurve 3 raus bin. Das hat viel Zeit gekostet. Das sagt sich jetzt leicht. Die Fehler sind passiert, ohne sie hätte ich eine Chance auf P2 oder vielleicht sogar P1 gehabt."



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