Mit einer starken Vorstellung klettert George Russell bei der Formel 1 in Österreich endlich aus dem Loch, in dem er nun schon seit Monaten zu stecken schien. Diesmal verwandelt er die Pole auch wieder in einen Sieg. Nur war der am Ende mit weniger als zwei Sekunden Vorsprung wieder knapp, und wie schwierig der Weg dorthin war, verrät Russell nach dem Rennen.

Von außen wirkte es schließlich wie eine recht kontrollierte Fahrt. Russell gewann den Start und gab die Führung danach nur bei der Boxenstopp-Rotation kurz her. Im Cockpit war es aber viel unangenehmer. Zuerst einmal geriet Russell gehörig unter strategischen Druck von Max Verstappen, der im Mittelstint zu Russell aufschloss und ihn zu einem frühen letzten Boxenstopp zwang, um eine Undercut-Gefahr vorzubeugen.

"Mit 28 noch zu fahrenden Runden war das ziemlich unangenehm", so Russell. "Aber meine ersten 20 Runden in dem Stint waren stark. Das hat es mir ermöglicht, es ins Ziel zu bringen." Trotz Reifenvorteil konnte Verstappen - mit Kimi Antonelli im Schlepptau - bis ins Ziel die Lücke nicht ausreichend für einen Angriff wieder zufahren.

Diese starken Runden waren für Russell keine Selbstverständlichkeit, im Gegenteil, sie waren sehr harte Arbeit: "Ich bin dieses Rennen anders und abnormal gefahren, um ehrlich zu sein, um die Reifen zu managen. Das hat ganz gut funktioniert."

George Russell muss Fahrstil für neuen Mercedes neu aufbauen

Denn immer noch fährt die Angst des Formtiefs bei Russell mit. Er und das Team hatten über die letzten Wochen hinweg nämlich seinen Fahrstil als entscheidend bei seinen Problemen mit der Rennpace identifiziert: "Es war klar, was das Problem war, und klar, wie es zu lösen war. Die historischen Daten zeigten ein paar Trends, die durch das neue Auto deutlich verschlimmert wurden."

"Auf dieser Strecke hätte mein vorheriger Ansatz mir ziemliche Probleme bereiten können", glaubt Russell. Der "abnormale" Fahrstil aber zeigte seine Wirkung. "Wir brauchen dieses weitere Verständnis. Letztes Jahr war das vierte Jahr mit den damaligen Reifen, ich wusste genau, wie ich die bei Hitze, Kälte, auf hartem oder sanftem Asphalt anfasse. Dieses Jahr weiß ich das nicht, ehrlich gesagt. Das baue ich mir neu auf."

Diese Arbeit ist bei weitem noch nicht abgeschlossen: "Ich glaube daran, dass ich es kann. Weniger daran, dass ich aktuell mit Auto, Setup und Reifen alles auf einen Nenner bringen kann, weil es zuletzt so auf und ab ging. Selbst dieses Wochenende lag ich an einem Punkt sechs Zehntel hinten, dann war ich in Q3 zwei Zehntel vorn. Eine richtige Antwort habe ich ehrlich gesagt nicht."

Toto Wolff erneuert Zuspruch für George Russell: Einfach fahren

In Spielberg schien es letztendlich dann aber dieses Basis-Selbstvertrauen, das Russell in Q3 fand und welches es ihm ermöglichte, dort auf Pole zu fahren und dann seinen anderen Fahrstil im Rennen auch umzusetzen. Der Punkt des Wandels? Teamchef Toto Wolffs "Fahr einfach"-Funkspruch im Q2.

"Manchmal vergisst du auf die Hauptsache, und das ist einfach, das Auto zu fahren", unterstreicht Wolff am Sonntag nach dem Sieg. "Über dieses 'Fahr einfach' sprechen wir sehr viel. Sei einfach im Moment und fahre mit dem Auto. Denke nicht zu viel über die Strategie nach, oder darüber, was Kimi macht. Fahr das Auto so schnell du kannst, schau auf die Reifentemperaturen, verheiz sie nicht. Das sind die einzigen für dich relevanten Metriken."

Dass es in Österreich nun sowohl für Pole als auch für Sieg reichte, lässt Russells Selbstvertrauen weiter anschwellen: "Ich brauchte Widerstandskraft, um wieder hochzukommen und stark abzuliefern. Diese letzten zwei Poles und hier den Sieg zu holen, besonders auf einer Strecke, die mir in der Vergangenheit nicht lag, ist etwas, auf das ich stolz bin."

Toto Wolff jubelt über den Sieg von George Russell in Österreich
Toto Wolff feiert den Österreich-Sieg mit Russell und Team, Foto: IMAGO / NordPhoto

"Auf jeden Fall spüre ich mit jeder Runde richtig gute Fortschritte, so gesehen ist das Gefühl gut", meint Russell. Das nächste Wochenende in Silverstone könnte noch besser laufen: "Die Strecke geht mehr auf die Vorderreifen, die Temperaturen sind normaler, während der Asphalt heute an einem Punkt 60 Grad hatte. Aber in dieser Saison gibt es so viele Unbekannte."