Die Formel 1 leistete sich beim Grand Prix von Singapur den nächsten Fauxpas. Wobei - genau genommen waren es zwei Fauxpas. Für die Timing-Probleme im ersten Sprint-Qualifying-Segment konnte die Rennleitung jedoch nichts. Dass das Problem mit dem Overtake-Mode ihr Fehler war, gab die Rennleitung nach dem Sprint-Qualifying aber öffentlich zu.
Für Formel-1-Experte Christian Danner ist das menschliche Versagen am Rennleitungs-Pult zwar ärgerlich, das eigentliche Problem verortet er aber in einem übergeordneten Thema. "Das Ganze hat eine Ursache, und das ist das Motorenreglement", ist er in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins überzeugt. "Das ist ein solcher Flickenteppich. Es ist furchtbar."
Danner verteidigt Rennleitung: "Motorenreglement höchst problematisch"
Bereits in Sepang tauchten die ersten Probleme an der Power Unit auf, die dem neuen Elektro-Reglement gepaart mit den gesonderten Motorregeln für Regenrennen geschuldet waren. Nur eine Woche später muss sich die Formel 1 erneut für ein weiteres, völlig unabhängig von den drei vorherigen, aufgetretenes Problem rechtfertigen.
"Es gibt immer wieder Dinge, die in diesem Motorenreglement festgelegt sind, die nur darauf basieren, den Elektromotor in irgendeiner Art und Weise unter Kontrolle zu bringen und ihn fahrbar zu machen", kritisiert Danner die aktuelle Situation und die damit einhergehenden Probleme der Formel 1. "Manchmal sind Komplikationen aber auch nur menschlicher Art."
So wie eben dieser Fehler der Rennleitung: Im SQ1 sorgte Sergio Perez für eine rote Flagge. Nachdem die Session wieder freigegeben wurde, hätte der Overtake-Mode, bei dem die Piloten ein halbes Megajoule mehr Leistung zur Verfügung haben, eigentlich wieder aktiviert werden müssen. Das geschah zwar, jedoch viel zu spät und nur für exakt 27 Sekunden.
"Das ist zwar ärgerlich aber der Schaden war überschaubar. Menschliche Fehler werden wir auch in Zukunft wieder erleben", entschuldigt Danner die Rennleitung. Das Motorenreglement lässt er dabei jedoch nicht so leicht von der Angel. "All das ist eine Folge des grundsätzlich höchst problematischen Power-Unit-Reglements."
Formel-1-Rennleitung im Dilemma: Entscheidungsspielraum fehlt
Klar ist dabei auch, dass in diesen 27 Sekunden, in denen das System aktiv war, nur manche Piloten davon profitieren konnten. Einer, dem dieser Vorteil verwehrt blieb, war Williams-Pilot Carlos Sainz, der sich nach der Session benachteiligt fühlte. Alles dazu erfahrt ihr in diesem Artikel.
Um so etwas zu vermeiden und die Situation etwas fairer zu gestalten, äußerte Williams-Teamchef James Vowles nach der Problematik die Idee, alle Fahrer an SQ2 teilnehmen zu lassen. Diese wurde jedoch am Ende nicht umgesetzt. Den Stewards waren die Hände gebunden. "Es gab früher mit Charlie Whiting einen Renndirektor, der frei alles entscheiden konnte. Das geht aber nicht mehr seit Abu Dhabi", erklärt Danner die veränderte Ausgangslage der Rennleitung.
Damit spielt er auf das denkwürdige Saisonfinale 2021 an, in dem der damalige Renndirektor Michael Masi eigenmächtige Entscheidungen traf, die das Reglement so nicht vorsah. Und genau hier stellt sich für den Formel-1-Experten die Grundsatzfrage über die Befugnisse der Rennleitung.
Danner begeistert: Formel-1-Reglementsicherheit an oberster Stelle
"In anderen Rennserien gibt es durchaus die Herangehensweise, dass man einfach nach gesundem Menschenverstand - wenn man etwas kritischer ist, nach Gutsherrenart - entscheidet", erklärt Danner. "Aber man kann nicht immer sagen, man entscheidet da jetzt drüber hinweg."
Obwohl der Vorfall in Singapur also unglücklich für die betroffenen Fahrer verlief, befürwortet Danner das strikte Festhalten der Rennleitung an den Paragraphen. "In der Formel 1 wird gottseidank nicht mehr so leichtfertig wie in anderen Rennserien entschieden", ist der Formel-1-Experte erleichtert. "Denn die Reglementsicherheit ist nur dann gewährleistet, wenn das Reglement auch beachtet wird und nicht wenn einer kommt und sagt, das passt mir jetzt gerade nicht. Denn wo ist die Grenze? In Singapur ist es zwar blöd gelaufen, aber es ist schon richtig, wie das heute gehandhabt wird."
Worüber der Formel-1-Experte in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins noch gesprochen hat, erfahrt ihr in diesem Video.



diese Formel 1 Nachricht