Die letzten Jahre standen in der MotoGP klar im Zeichen von Ducati. Seit 2022 holten die Italiener alle möglichen WM-Titel und haben auch in diesem Jahr noch alle Chancen, ihrem Trophäenkabinett weitere Silberware hinzuzufügen. Doch derart erfolgreich waren sie nicht immer. Zu Beginn der 2010er-Jahre erlebte Ducati auch schon sehr harte Zeiten, blieb zwischenzeitlich exakt 100 Grands Prix ohne Sieg. Erst beim Comeback des Österreich-GPs im Sommer 2016 erlöste Andrea Iannone die Roten. Motorsport-Magazin.com blickt zehn Jahre später auf den Beginn der Ducati-Ära zurück.

Vor Österreich-Comeback: Ducati jahrelang in der MotoGP-Krise

Mitte der 2010er-Jahre sah die MotoGP-Welt noch gänzlich anders aus als heutzutage. Die japanischen Hersteller dominierten, Honda und Yamaha vereinten alle Grand-Prix-Siege seit Beginn der Saison 2011 unter sich. Ducati wiederrum war nach dem Wechsel von Casey Stoner zu HRC in eine tiefe Krise gestürzt. Die Verpflichtung von Valentino Rossi wurde zum Fiasko für alle Seiten, erst 2015 ging es wieder spürbar aufwärts. Das neue Führungstrio um Teamchef Gigi Dall'Igna, Teammanager Davide Tardozzi und Sportdirektor Paolo Ciabatti hatte den Konstrukteur aus Borgo Panigale wieder in die Spur gebracht und so kämpfte man in der ersten Saisonhälfte 2016 zumindest wieder regelmäßig um das Podium.

Die Ducatis waren 2016 langsam wieder auf dem Vormarsch, Foto: Ducati
Die Ducatis waren 2016 langsam wieder auf dem Vormarsch, Foto: Ducati

Der erlösende erste Grand-Prix-Sieg seit Phillip Island 2010 ließ aber noch auf sich warten - bis zum Auftakt der zweiten Saisonhälfte. Diese begann mit dem ersten Österreich-GP seit 1997 und der Rückkehr des Red Bull Rings. Eine Powerstrecke mit harten Bremszonen und vielen langen Geraden. Ein Kurs, der also wie für die vor allem leistungsstarke Desmosedici GP16 gemacht schien. Und tatsächlich: Bereits bei Testfahrten einen Monat zuvor machte Ducati in Spielberg einen sehr guten Eindruck, weshalb die Vorfreude auf den Österreich-GP groß war. "Das Motorrad funktioniert am Red Bull Ring sehr gut. Ich habe ein richtig gutes Gefühl", kündigte Iannone im Vorfeld an.

Auch das Rennwochenende selbst begann vielversprechend. Ducatis Werkspiloten führten drei der vier Trainings an und schnappten sich im Qualifying dann auch beide einen Startplatz in der ersten Reihe. Iannone holte seine erst zweite (und letzte) Pole Position in der MotoGP, Andrea Dovizioso qualifizierte sich hinter dem wieder für Yamaha fahrenden Rossi auf Rang drei. Eine ideale Ausgangslage für das 28 Runden lange Rennen also. Doch ausgerechnet Stoner, der seinerzeit als Testfahrer für Ducati aktiv war, zeigte sich skeptisch. "Haben wir die paar Zehntel Vorsprung auch über das gesamte Rennen?", fragte er und warnte damit vor potenziell zu hohem Reifenverschleiß bei den Desmosedicis.

"Das hat einen Streit ausgelöst" - Andrea Iannone pokert sich MotoGP-Sieg

Wie wir heute wissen, sollten die Zweifel des zuvor letzten MotoGP-Siegers in Ducati-Diensten nicht berechtigt sein. Vor Rennstart wusste man das damals aber noch nicht - und umso überraschender kam daher, dass Iannone als einziger Pilot aus dem Spitzenfeld mit dem weichen Hinterreifen startete. Alle anderen setzten auf die härteste Mischung. "Deswegen ist nach dem Warm Up ein großer Streit in unserer Box ausgebrochen", blickt Iannone zurück. "Wir hatten unsere Zweifel mit diesem Reifen, während der Medium es uns garantiert hätte, zumindest um das Podium zu kämpfen", gestand auch Tardozzi. Doch 'The Maniac' entgegnete: "Ich wollte gewinnen, deshalb habe ich mich für den Soft entschieden."

Andrea Iannone (#29) bog als Erster in Kurve eins ein, Foto: Tobias Linke
Andrea Iannone (#29) bog als Erster in Kurve eins ein, Foto: Tobias Linke

Sein Poker sollte aufgehen. Iannone verteidigte die Pole Position beim Start und konnte die ersten Runden des Rennens dann von der Spitze aus verwalten. Erst zu Beginn des zweiten Drittels musste er die Front für einige Zeit abgeben, Teamkollege Dovizioso ging vorbei. Der Italiener, der in Spielberg seinen 250. Grand-Prix-Start absolvierte, zog das Tempo daraufhin an. Nur Iannone konnte folgen, die Yamahas von Rossi und Jorge Lorenzo sowie WM-Leader Marc Marquez und Suzuki-Shootingstar Maverick Vinales mussten nach und nach abreißen lassen. Zu Beginn des letzten Renndrittels war damit bereits klar, dass die beiden Ducatis auf den ersten beiden Plätzen ins Ziel einlaufen würden - sofern sie sich nicht gegenseitig aus dem Rennen nehmen würden.

Wenige Monate zuvor war das nämlich schonmal passiert. Im Argentinien-GP hatte Iannone Dovizioso in der letzten Runde in der Schlussschikane abgeräumt und damit ein sicheres Doppelpodium zu Nichte gemacht. Der traurige Höhepunkt einer schwierigen ersten Saisonhälfte für den Mann aus Vasto, der zuvor schon in Katar auf P2 liegend gestürzt war und später in Le Mans, Barcelona und Assen weitere Stürze in aussichtsreichen Positionen verzeichnete. In Spielberg kam Iannone deshalb nur als WM-Achter an, sogar mit zwei Punkten weniger im Gepäck als Avintia-Pilot Hector Barbera auf der Vorjahres-Ducati.

Mit diesem Vorfall verbaute sich Andrea Iannone eine längerfristige Zukunft bei Ducati, Foto: Repsol
Mit diesem Vorfall verbaute sich Andrea Iannone eine längerfristige Zukunft bei Ducati, Foto: Repsol

Als Iannone Dovizioso acht Runden vor Schluss wieder überholte, dürfte sich in der Ducati-Garage deshalb so mancher die Hände vors Gesicht geschlagen haben. Bloß keine weitere Kollision. Nein, ein entspannter Synchronflug ins Ziel wäre allen das Liebste gewesen. Einzig die Piloten hatten andere Ideen. Sie wollten beide unbedingt derjenige sein, der Ducatis Sieglosserie in der MotoGP beenden würde. Das Prestige spielte eine ganz entscheidende Rolle. Denn Dovizioso durfte 2017 bei Ducati bleiben, während Iannone seinen Platz für Lorenzo räumen musste. Platzhirsch gegen Aussortierter also. Kein Wunder, dass Dovizioso nicht aufsteckte und bis zur Zielankunft noch mehrfach versuchte, sich Platz eins zurückzuholen.

Andrea Iannone und Andrea Dovizioso duellierten sich hart um den Sieg in Spielberg, Foto: Tobias Linke
Andrea Iannone und Andrea Dovizioso duellierten sich hart um den Sieg in Spielberg, Foto: Tobias Linke

Nach "Nacht voller Sex": Andrea Iannone leutet Ducati-Ära ein

Letztlich reichte es aber nicht mehr und so war es ausgerechnet Iannone, der Ducati nach exakt 100 Grands Prix ohne Sieg erlöste. Die Party kannte keine Grenzen mehr. Während Iannone mit einem eindrucksvollen Wheelie auf der Gegengeraden zelebrierte, sprang in der Garage Dall'Igna Stoner in die Arme. Nur Dovizioso wusste nicht so recht, wohin mit seinen Emotionen. Der Routinier, dessen damals letzter und einziger MotoGP-Sieg in Donington schon sieben Jahre zurücklag, wirkte geknickt und musste im Parc ferme erstmal von seinem Team aufgebaut werden, während wenige Meter daneben ausschweifend gefeiert wurde. "Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit. Ich hatte vor dem Rennen die ganze Nacht lang Sex. Ich bin erst um fünf Uhr ins Bett gegangen", blickt Iannone im Interview mit 'GPOne.com' heute zurück. "Ich bin dann aufgewacht, zur Strecke gefahren, habe im Warm Up die schnellste Runde gedreht und das Rennen gewonnen."

Wie einfach es manchmal doch sein kann, oder? Für Ducati sollte der Sieg in Österreich jedenfalls zu einer Art Brustlöser werden. Wenige Wochen später holte auch Dovizioso in Sepang seinen ersten Sieg in Rot und im Folgejahr kämpfte man erstmals seit Saisonbeginn 2009 wieder um einen WM-Titel. Die beeindruckenden Zahlen seither: 15 Weltmeisterschaften (6x Konstrukteur, 5x Team und 4x Fahrer, Anm.), 97 Grand-Prix-Siege, 57 Sprintsiege, 268 GP-Podien, 151 Sprintpodien, 88 Pole Positions und 95 Schnellste Rennrunden. Kein anderer Hersteller kann seit Spielberg 2016 auch nur ansatzweiße so gute Statistiken aufweisen. "Dieser Tag hat uns gezeigt, das wir es schaffen können. Ich erinnere mich, dass Marc [Marquez] mir damals gesagt hat, dass wir in der Zukunft ein Problem für ihn [damals noch bei Honda, Anm.] sein würden. Er hatte Recht", blickt Davide Tardozzi zurück. "Das war definitiv der Beginn einer neuen Ära", strahlt auch Iannone. Einziges Manko: Er selbst sollte anschließend kein Teil der Ducati-Erfolgsgeschichte mehr sein.

Suzuki, Aprilia, Dopingsperre: Unrühmliches MotoGP-Ende für Iannone

2017 war wie bereits erwähnt Schluss bei den Roten, die Nummer 29 wechselte stattdessen zu Suzuki. Wirklich glücklich wurde Iannone dort aber nie, holte in zwei Jahren nur vier Podien. 2019 folgte dann der Wechsel zum damaligen Hinterbänkler Aprilia, wo ebenfalls kaum etwas zu holen war. 'The Maniac' stand klar im Schatten von Aleix Espargaro, zeigte einzig im Australien-GP mit ebenso wenigen wie überraschenden Führungskilometern auf. Am Ende stand Platz sechs: eines von nur zwei Top-10-Ergebnissen in jener Saison. Und was dann folgte, ist hinlänglich bekannt. Iannone wurde des Dopings überführt und für vier Jahre gesperrt. Seine MotoGP-Karriere war damit im Grunde vorbei, es reichte erst 2024 nochmal zu einem Auftritt als Ersatzfahrer bei VR46.