Jorge Martin schien in den ersten Runden des Misano-Rennens die positive Überraschung. Nach einem schwachen Freitag und einem akzeptablen Samstag drehte er am MotoGP-Rennsonntag so richtig auf. Mit einem Überraschungsangriff luchste er in Runde sieben sogar Marc Marquez die Führung ab. An der Spitze hielt sich Martin aber nur fünf Umläufe lang. Dann legte er den Rückwärtsgang ein, fiel auf Platz fünf zurück und verlor schlussendlich satte 14 Sekunden auf die Siegerzeit.

Armpump überrascht Jorge Martin

Die Erklärung für den dramatischen Einbruch ließ nicht lange auf sich warten. In seiner Medienrunde verriet Martin, dass er am Sonntag plötzlich mit Armpump zu kämpfen hat. Die MotoGP-Volkskrankheit, die im medizinischen Fachjargon eigentlich den Namen Kompartmentsyndrom trägt, wird durch die abgewinkelte Position der Arme auf dem Motorrad sowie die extreme Belastung beim Bremsen und in den Kurven hervorgerufen. Kraftverlust und Taubheitsgefühl sind die Folge.

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Martin traf der Armpump am Sonntag wie aus dem Nichts. 2019 und damit noch zu Moto2-Zeiten hatte er damit schon einmal zu kämpfen, eine Operation beseitigte damals aber die Probleme. In seiner 2021 begonnenen MotoGP-Karriere war Armpump für ihn ein Fremdwort, doch im Rennen von Misano schlug er plötzlich wieder zu. Ein Schock für Martin, der am Sonntag noch nicht so recht wusste, wie es für ihn nun weitergehen würde: "Wenn ich in Österreich keine Probleme habe, kann ich vielleicht so weitermachen. Aber möglicherweise tritt es in anderen Rennen wieder auf. Dann könnte es dafür sorgen, dass ich die Weltmeisterschaft verliere."

Jorge Martin grübelt: Operieren oder nicht?

Tatsächlich ist der Armpump für die MotoGP-Stars oftmals eine trügerische Krankheit. Derartige Probleme können stark streckenabhängig sein. Misano gilt als typischer Armpump-Kurs. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen die hohe Kurvenfrequenz. In gerade einmal 4,23 Kilometer Streckenlänge sind 16 Kurven verpackt. Den Fahrern bleibt also kaum Zeit zur Entspannung. Zahlreiche Kurven erfordern außerdem harte Bremsmanöver, etwa Turn 1, 4, 8, 10, 14 oder 16. Erschwerend hinzu kommt in Misano das extrem hohe Grip-Niveau, das die Belastungen auf die Piloten zusätzlich verstärkt. KTM-Testfahrer Pol Espargaro ordnete die Strecke am Sonntag als eine der körperlich herausforderndsten im MotoGP-Kalender ein, übertrumpft nur vom Circuit of the Americas in Austin.

Der Start ins Rennen der MotoGP in Misano.
Der Misano World Circuit Marco Simoncelli fordert den Fahrern alles ab, Foto: IMAGO / ABACAPRESS

Eine Tatsache, die Martins Ungewissheit erklärt. Denn der Red Bull Ring sollte in puncto Armpump kein Problem darstellen, könnte ihm aber ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln. Möglicherweise ist er auf der folgenden Überseetournee wieder mit den Problemen von Misano konfrontiert. Befindet sich die MotoGP erst einmal außerhalb von Europa - es folgen vier Rennen in Japan, Indonesien, Australien und Malaysia innerhalb von nur fünf Wochen - ist ein operativer Eingriff nur schwer unterzubringen. Ihn ohne echte Not bereits nach dem Österreich-GP durchführen zu lassen, ist aber ebenfalls wenig sinnvoll. Zwar handelt es sich unter den Motorradstars mittlerweile um eine Routineoperation, doch auch diese bringt eine gewisse Regenrationszeit mit sich, in der etwa Trainingseinheiten massiv reduziert oder sogar völlig ausgesetzt werden müssen.

Martin und sein Umfeld stehen somit vor einer komplexen Entscheidung. Egal, für welchen Weg man sich entscheidet: Der Martinator hat im Titelkampf mit dem punktegleichen Marc Marquez und Teamkollege Marco Bezzecchi nun einen weiteren Gegner - den eigenen Körper.

Martins Aprilia-Teamkollege Marco Bezzecchi hat nach dem Misano-Wochenende unterdessen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Er ist bei seinem Heimrennen im Kampf gegen Marc Marquez gescheitert. Gedanken zu seinem Rückschlag, findet ihr in diesem Kommentar: