Für diesen Sonntag in Spielberg kann es wohl nur ein treffendes Wort geben: Erlösung. Pedro Acosta und KTM erlebten diese auf so vielen Ebenen, ausgerechnet beim Heimrennen. Es ist wohl kaum in Worte zu fassen, was dieser erste MotoGP-Sieg des Ausnahmetalents nach so vielen Schwierigkeiten und so langer Wartezeit bedeutete. Motorsport-Magazin.com versucht dennoch zu erklären, warum dieser 20. September 2026 für Werk und Fahrer eine wahrhaft historische Bedeutung haben wird.
"Wir sind zurück!" - MotoGP-Sieg als endgültiges Ende der Insolvenzkrise bei KTM
Seit 2022 hatte KTM auf einen Sieg im Grand Prix warten müssen, im trockenen sogar seit 2021. Diese letzten Triumphe wurden durch Miguel Oliveira errungen. Der Portugiese fährt mittlerweile in der Superbike-WM bei BMW. KTM aber ist noch im MotoGP-Paddock, obwohl das alles andere als selbstverständlich ist. Viel mehr noch als die ewig lange Wartezeit auf einen Sieg hatte ein anderes Ereignis die Orangenen geprägt. "Wir hatten letztes Jahr Probleme überhaupt in der Weltmeisterschaft weiter fahren zu können. Wie sie aus der Insolvenz gekommen sind und jetzt das Potential des Motorrads wiedererlangt haben ist fantastisch. Ich kann mich nur bedanken. Das war ein langer Weg bis hier, aber ich werde es mit Sicherheit genießen", sprach Acosta nach seinem Debütsieg sofort den Elefanten im Raum an.
Ende 2024 stand die Zukunft von KTM als Ganzem, nicht nur der Motorsport-Abteilung, auf der Kippe. Im Insolvenzverfahren musste ebenso hart gekämpft werden, wie dies die Fahrer auf der Strecke tun. Nicht umsonst dachte Motorsport-Chef Pit Beirer im Moment des Triumphes genau daran. "Das sind große Emotionen. Da muss ich zurückdenken an die Zeiten, die wir bei KTM 2024 und 2025 durchgemacht haben", fing er seine Ausführungen an. "Ich möchte das auch als ein Geschenk für KTM als Ganzes verstehen, denn wir sitzen alle im selben Boot. Wir haben so hart kämpfen müssen, um aus der Krise zu kommen, aber jetzt sind wir aus der Krise: Wir sind zurück!", feierte der Deutsche.
Zur falschen Zeit beim richtigen Crewchief: Pedro Acostas Reifeprozess in der Sieglosigkeit
Diese schwere Zeit fiel zusammen mit der Ankunft von Supertalent Acosta. Der Spanier hatte nicht die Waffe, um seinen lange überfälligen ersten Sieg zu erreichen. "Ich hatte das Können dazu, bekam aber nicht viele Chancen in diesen drei Jahren. Ducati und Aprilia sind in einer anderen Welt im Vergleich zu den drei weiteren Herstellern. Da ergeben sich nicht viele Gelegenheiten", reflektierte Acosta.

Es war aber eine Zeit, in der er als Fahrer und Persönlichkeit gewachsen ist. Sein Crewchief Paul Trevathan feierte mit ihm auf dem Podium. Auch er war sich der schwierigen Umstände der letzten Jahre voll bewusst: "Wir haben Jahre darauf gewartet und wussten, wie sehr er diesen Erfolg bereits hätte haben sollen. Jeder in der Garage hat wirklich hart gearbeitet, um hier anzukommen. Die Firma hinter uns ging durch die Hölle und zurück [gemeint ist das Insolvenzverfahren von KTM, Anm. d. Red.]. Das Timing von Pedros Ankunft war vielleicht schlecht, denn wir konnten uns nicht so entwickeln, wie er es gewollt hatte. Trotzdem hat er jede Woche alles gegeben." Im Interview direkt nach der Zieldurchfahrt übermannten ihn sogar die Gefühle. "Er ist einfach unser Junge. Er hat alles gegeben. Ich bin sehr sehr stolz", konnte der Neuseeländer noch herausbringen, ehe die Freudentränen sich schluchzend ihren Weg bahnten.

Pedro Acosta selbst konnte das nur zurückgeben. "Er war mein erster Crewchief in der MotoGP. Leider werden sich unsere Wege am Ende des Jahres trennen, aber ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel ich von ihm gelernt habe. In Sachen Rennsport ist er wie ein Vater für mich. Der Kerl, der ich heute bin, bin ich, weil er mich jeden Tag noch mehr gepusht hat. Irgendwie habe ich dann aufgehört dieses Kind zu sein, als das ich in die Weltmeisterschaft kam. Ich wurde ein gestandener Fahrer", würdigte er Trevathans Leitung für seine Karriere.
Pedro Acostas persönliche Erlösung: MotoGP-Prüfung mit KTM bestanden
Diese hat nun den nächsten Schritt erreicht, endlich. Wie sehr die Sieglosigkeit an ihm genagt hatte, konnte am besten in der Antwort auf eine bestimmte Frage gelesen werden. Ein Journalistenkollege wollte wissen, wo sich der erste MotoGP-Sieg im Vergleich zu den Weltmeistertiteln in Moto3 und Moto2 einreihe? "Ich weiß nicht, ob es die anderen beiden übertrifft, aber für mich ist es etwas viel persönlicheres. Ich kam in die Meisterschaft [der Moto3, Anm. d. Red.] und gewann Rennen, als ob es leicht wäre. Es stimmt, dass ich dann im ersten Jahr Moto2 ein wenig strauchelte, aber im zweiten Jahr habe ich dann die Meisterschaft souverän gewonnen. Und dann hatte ich solche Probleme, diesen ersten Sieg in der MotoGP zu holen. Deswegen ist es sicher persönlicher als die anderen Erfolge", erwiderte Acosta.

Erstmals in seiner Karriere traf er in der MotoGP auf übermächtigen Widerstand: Die besten Fahrer der Welt auf überlegenen Bikes. Und durch den Sprint-Sturz am Samstag und einen weiteren im Warm Up schien es fast so, als würde der 'Hai' auch in Spielberg erneut Baden gehen. Doch der 22-Jährige lieferte sein Meisterstück und setzte damit das letzte fehlende Puzzleteil in seine und KTMs Erlösung. Oder um es mit den Worten von Pit Beirer zu sagen: "Das ist es, wofür wir gekämpft haben. Hier das MotoGP-Heimrennen in Spielberg zu gewinnen, das macht mich zum glücklichsten Mann auf dem Planeten. So geht es dem gesamten Team. Danke an das Team, danke an KTM und danke an Pedro. Er ist ein fantastischer Fahrer und was er nach dem Fehler von gestern [der Sturz im Sprint, Anm. d. Red.] geleistet hat, zeigt, was für ein Kaliber Fahrer er ist."
Ob Pedro Acosta nun vielleicht sogar noch Außenseiterchancen auf den Titel haben könnte, muss die Zeit zeigen. Einer der beiden klaren Favoriten ist sicherlich Jorge Martin. Für den 'Martinator' war das Rennwochenende in Spielberg ebenfalls eine Art Erlösung:



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