Im Grunde war seit den frühen Morgenstunden des 22. Februars klar, dass es passieren würde. Zu dominant war Nicolo Bulega nach dem Abschied von Ex-Titelrivale Toprak Razgatlioglu in Richtung MotoGP auf Phillip Island in die neue Saison der Superbike-Weltmeisterschaft gestartet. Seit Sonntagnachmittag herrscht jetzt aber auch offiziell Gewissheit: Der Ducati-Werkspilot ist der neue WorldSBK-Champion und hat einer kitschigen Geschichte damit das perfekte Ende verpasst.
Nicolo Bulega krönt sich in Cremona zum Superbike-Weltmeister 2026
26 Siege in 27 Rennen, dazu neun von neun möglichen Pole Positions: Bulega war bis zum zurückliegenden Cremona-Wochenende die beinahe perfekte Superbike-Saison gefahren. Einzig im Donington Park musste er sich Mitte Juli einmal Teamkollege Iker Lecuona geschlagen geben, nachdem er zuvor saisonübergreifend 25 Rennen in Folge gewonnen hatte. Kein Wunder also, dass der Italiener schon Ende September beim Heimspiel in der Lombardei seinen ersten Matchball zum Titelgewinn bekam - und diesen nutzte Bulega am Sonntag auch gleich, wenn auch ohne Rennsieg. Es reichte in allen drei Rennen in Cremona 'nur' zu Platz zwei hinter Lecuona, doch das war gewollt.

"Das war ein sehr emotionales Wochenende und nicht leicht, mit all dem Druck umzugehen", gestand der neue Weltmeister am Sonntagnachmittag. "Ich bin am Freitag zwei Mal gestürzt und konnte mir speziell den Zweiten nicht erklären. Also habe ich mir vor den Rennen gesagt, dass ich nichts Dummes machen darf und das Motorrad einfach nur ins Ziel bringen muss. Ich wollte versuchen Iker zu folgen, aber der Titelgewinn war wichtiger. Daran habe ich mich während des Rennens immer wieder erinnert."
Dass er zum ersten Mal seit Magny-Cours Anfang September 2025 wieder ein komplettes Superbike-Wochenende ohne Sieg blieb, störte Bulega am Sonntag also keinesfalls. Er hatte sich bewusst ausgebremst, um den Titel zu fixieren. Und als das geschafft war, brachen die Emotionen aus dem 26-Jährigen heraus. "Ich habe sofort angefangen zu heulen, nachdem ich die Ziellinie überquert hatte. Dann sind so viele Fahrer zu mir gekommen und haben mir gratuliert. Das hat mich sehr berührt, das war ein wirklich schöner Moment. In Kurve fünf bin ich dann zu meinen Freunden gefahren und habe mit ihnen gefeiert. Das war fantastisch", frohlockte er.

Karriere gerettet: Nicolo Bulega schreibt kitschiges Ende für Superbike-Zeit
Nach zwei Niederlagen in Folge gegen Toprak Razgatlioglu und BMW ist damit auch Ducati zurück auf dem Superbike-Thron. "Er hat fast alle Rennen gewonnen, er hat unglaubliches geleistet", dankte Technikguru Gigi Dall'Igna daher und CEO Claudio Domenicali ergänzte voller Stolz: "Nicolo ist der erste Italiener, der mit uns Superbike-Weltmeister werden konnte. Dass er das vor seinem Heimpublikum geschafft und in jenem Jahr, in dem wir unser 100-Jähriges feiern… Ich kann mir nur schwer etwas Schöneres vorstellen. Es gibt Siege, die über das sportliche Resultat hinausgehen und das ist gewiss einer von diesen. Wenn ich darüber nachdenke, was hinter uns liegt, macht mich das nur noch stolzer. Nicolo ist gemeinsam mit uns gewachsen. Er hat erst in der Supersport-WM gewonnen, sich dann in der Superbike-WM etabliert und sich dann zu dem außergewöhnlichen Fahrer entwickelt, der er heute ist. Dieser Titelgewinn wird für immer einen besonders wichtigen Teil unserer Geschichte darstellen."

Tatsächlich hätte diesen Triumph noch vor wenigen Jahren wohl kaum jemand für möglich gehalten. 2016 hatte Bulega einst als 16-Jähriger in der Moto3 debütiert. Den enormen Erwartungen konnte das hochgehandelte Toptalent aus der VR46-Riders-Academy in den Jahren danach aber nie gerecht werden. Ende 2021 war nach nur zwei Podien in sechs Saisons wieder Schluss in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Der Traum von der großen Karriere schien ausgeträumt. Durch den Wechsel ins Superbike-Paddock rehabilitierte sich Bulega jedoch, wurde 2023 zunächst Supersport-Weltmeister und nach zwei zweiten Gesamtplätzen in den Jahren 2024 und 2025 nun eben auch Superbike-Weltmeister. Das ideale Ende seiner Zeit in den roten Farben der beiden Ducati-Werksteams, ehe es 2027 mit VR46 in die MotoGP geht.
"Durch all diese schweren Momente zu gehen, hat mir geholfen", blickt Bulega heute zurück. "Als ich in der Moto3 angefangen habe, war ich in aller Munde. Jeder hat gesagt, dass ich die Welt erobern würde. Letztlich ist das aber nicht passiert. Diese Erfahrung, den Tiefpunkt erreicht zu haben, hat mich aber geprägt und mich als Mensch und damit auch als Fahrer reifer gemacht. Ich bin erwachsen und professioneller geworden. Ich weiß jetzt, wie ich mich innerhalb des Teams zu verhalten habe. Das hat mir sehr geholfen." Was den Titelgewinn in der Superbike-WM noch kitschiger macht: "Viele wissen das nicht, aber mein Vater hatte früher ein Team in der Supersport-WM. Ich bin also in diesem Paddock aufgewachsen. Als Kind habe ich Bayliss, Haga und all diesen grandiosen Fahrern zugesehen. Dass ich jetzt einige Jahr später selbst ein Weltmeister bin, ist eine unglaubliche Geschichte."

Als Superbike-Weltmeister in die MotoGP: Max Biaggi traut Bulega Großes zu
Dank Bulega ist am Sonntag übrigens auch eine lange Durststrecke zu Ende gegangen. Seit 2012 hatte sich kein Italiener mehr zum Champion in der WorldSBK krönen können. "Du hast mich lange warten lassen", scherzte der letzte Titelträger Max Biaggi daher. Dass er das Zepter jetzt aber endlich weitergeben könne, sei dadurch nur umso schöner. "Ich freue mich riesig, dass Nicolo diesen Titel gewonnen hat", strahlte der Superbike-Weltmeister von 2010 und 2012 am Sonntag.
Der große Unterschied zwischen den beiden Italienern: Während Biaggi seine Karriere als Motorradrennfahrer seinerzeit in der Superbike-WM nur noch ausklingen ließ, hat Bulega in den kommenden Jahren gewiss noch einiges vor. 2027 geht es wie bereits erwähnt zu VR46-Racing in die MotoGP. Was dort möglich sein wird? So einiges, glaubt Biaggi: "Die MotoGP ist die technologisch beste Rennserie der Welt, aber ich denke, dass er die Fähigkeiten hat, um sich dort sehr gut zu schlagen. Nicolo wird dort auf Fahrer mit sehr viel Erfahrung treffen. Ich weiß deshalb nicht, ob wir gleich von Anfang an Siege erwarten können. Aber ich bin mir sicher, dass er seine Erfolge haben wird."
Was traut ihr Nicolo Bulega 2027 in der MotoGP zu? Kann der neue Superbike-Weltmeister auch in der Königsklasse ganz vorne mitreden? Sagt es uns in den Kommentaren! Auf welchen Strecke Bulega im kommenden Jahr gegen Marc Marquez und Co. antreten wird, wissen wir unterdessen seit Freitag. Alle Infos zum Rennkalender 2027 gibt es von Markus in unserem neusten Video:



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