Liebe MotoGP-Fans,
ich darf wohl als einer der ersten die Hand heben, wenn es darum geht, Reifenlieferant Michelin kritisch zu betrachten. Ich stehe auch weiterhin dazu, die Umsetzung der Reifendruckregel für vollkommenen Schwachsinn zu halten. Am Wochenende in Motegi haben sich die Franzosen aber ein ausdrückliches Lob verdient. Sie reagierten vorausschauend mit einem zusätzlichen harten Reifen auf die Belastungen durch den neu gelegten Asphalt auf der Strecke. Die Teams und Fahrer haben das aber kollektiv ignoriert. Die beste Lösung für das Rennen am Sonntag musste ihnen aufgezwungen werden. Das alles erinnert leider sehr an die Formel 1, die sich am selben Wochenende ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat.
MotoGP fällt in die Formel-1-Falle: Ingenieure bestimmen über Fahrer hinweg
Was damit gemeint ist? Es geht nicht direkt um den Vergleich beim Umgang mit den Reifen, sondern um die Bestimmung des Sports durch Ingenieursdenken, anstatt den gesunden Menschenverstand zu nutzen. Niki Lauda lebte Letzteres stets vor, doch in der modernen Königsklasse auf vier Rädern werden die Fahrer mittlerweile aus der Box ferngesteuert. Und damit meine ich nicht nur die unerträglich komplizierte Motorensoftware. Da gibt es bei feuchter Stecke eine Cross-Over-Rundenzeit, ab der auf Slicks gewechselt werden soll. Ob der Fahrer funkt, dass die Kurve 12 noch unter Wasser steht und er daher mit Slicks dort abfliegen wird, interessiert erstmal nicht, denn der Datenmonitor weiß ja eindeutig besser Bescheid.

Die MotoGP hat zum Glück noch kein Team-Radio, dennoch erlebten wir einen ähnlichen Fall von Ingenieurs-Hochmut in Japan. Bereits am Donnerstag sagten uns die Fahrer, dass den Hard-Reifen ja sowieso niemand benutzen wird. Da war wohlgemerkt noch kein einziger Meter gefahren, dementsprechend konnten sie auch noch keinerlei Rückmeldung geben. Ihre Teams hatten diese Entscheidung einfach schon gefällt. Und genau so ging es dann durch das Wochenende. Bis zum Sonntag verzichteten alle 22 Fahrer konsequent auf den Hard-Reifen am Heck. Als sich im Sprint Soft und Medium auflösten, schritt Michelin ein. Der Soft wurde verboten und der Einsatz des Hards ausdrücklich empfohlen. Im Warm Up am Rennsonntag dann die Erleuchtung: Dieser Hard-Reifen ist ja super! Den hätten wir ja sogar schon für Qualifying und Sprint verwenden sollen!
MotoGP-Fahrer haben keine Ausrede im Reifen-Versagen von Motegi
"Warum haben sie uns das nicht gesagt?", fragte Luca Marini in Richtung Michelin. Es sei nicht gut genug kommuniziert worden, dass dieser harte Reifen nur in der Karkassenkonstruktion verstärkt worden war, aber eine weiche Gummimischung bietet. Ganz ehrlich: Das ist lächerlich. Michelin bringt normalerweise zwei Reifenmischungen an die Strecke. Wenn sie schon vor dem Rennen ankündigen, dass es aufgrund der heiklen Ausgangslage mit dem neuen Asphalt extra eine dritte Mischung geben wird, dann haben sie sich etwas dabei gedacht. Sie nehmen ja nicht umsonst zusätzlichen Aufwand, Produktions- und Logistikkosten auf sich. Dass dann kein einziger (!) Fahrer auf die Idee kommt, diesen Reifen einmal auszuprobieren, ist kollektive Fahrlässigkeit. Das im Nachhinein auf Michelins - zugegebenermaßen oft etwas unglückliche - Kommunikation zu schieben, ist die Definition des Wortes Ausrede.

Es hätte nur einen Mutigen gebraucht, der am Freitag oder gar erst samstagmorgens im FP2 zu seinem Crewchief geht und sagt: "Ich weiß, ihr haltet nichts davon, aber lasst uns das Ding trotzdem mal ausprobieren, wenn sie es schon extra herbringen." Dieser Pilot hätte im Sprint für eine große Überraschung sorgen können, denn der Hard war den anderen Reifentypen im Renntrimm weit überlegen. Gerade die Hinterbänkler haben ja kaum etwas zu verlieren. Besonders bei Honda schien der Hard-Reifen Wunder gewirkt zu haben, so wie Marini und Moreira über ihn schwärmten. Warum schicken sie nicht einfach mal Ersatzfahrer Somkiat Chantra zum Test damit raus? Warum passiert nicht dasselbe bei Yamaha, die in ihrer Lage doch jeden Strohalm ergreifen müssen?
Motegi-Farce als Lehre für 2027: Drei Reifen sollst du ausprobieren
Wie das keinem einzigen Beteiligten in den Sinn kommen konnte, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Es zeigt wohl die Macht, die die Ingenieurswelt mittlerweile auch über die MotoGP-Boxen und ihre Fahrer ausübt. Der Hard wurde aus früheren Erfahrungen heraus einfach vorverurteilt. Es wird gemacht, was der Computer ausspuckt. Wenn Michelin nach dem Sprint nicht konsequent und im Sinne der Sicherheit eingreift, bleibt der mit Abstand beste Reifen vielleicht sogar das gesamte Wochenende in der Mottenkiste. Und in der öffentlichen Meinung wären die Franzosen wieder am Pranger gestanden, weil sich ihre Pneus aufgelöst haben.

Michelin hat in den letzten Jahren viel falsch gemacht und vielleicht war das auch mit ein Grund, warum ihr Angebot eines Extra-Reifens nicht ernst genommen wurde. Doch eigentlich sollte es im Profirennsport Pflicht sein, dieses Angebot zumindest zu evaluieren. Die MotoGP-Teams meinten aber, dass sie es von vornherein besser wissen. Sie wussten es nicht. Vielleicht war das aber zumindest eine gute Lehrstunde für 2027. Pirelli will zu jedem Wochenende drei Reifenoptionen mitnehmen. Spätestens dann sollten diese auch mindestens einmal in den Trainings ausprobiert werden.
Was meint ihr? Haben sich Teams und Fahrer hier lächerlich gemacht, oder ist die Kritik übertrieben? Sagt es uns in den Kommentaren.



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