Was wäre ein DTM-Saisonfinale ohne Diskussionen... Tatort: Hockenheimring, Kurve 8, drei Minuten vor dem Zieleinlauf. Zwischen Marco Wittmann und Maro Engel geht es beim Kampf um den dritten Podestplatz zur Sache. Ausgangs der achten Kurve geraten beide Titelanwärter aneinander. Wittmann kommt nach Kontakt mit allen vier Rädern von der Strecke ab, Engel drückt sich innen vorbei und übernimmt die dritte Position.

Die Freude währt nur kurz beim Winward-Mercedes-Piloten: Rennleiter Sven Stoppe ordnet einen Platztausch an! Wittmann erhält P3 zurück, bringt das Podium ins Ziel und übernimmt damit den zweiten Rang in der Meisterschaft. Der zweifache Champion hat vor dem großen Showdown am Sonntag (Rennstart erst um 16:30 Uhr!) 20 Punkte Rückstand zu Spitzenreiter Thomas Preining, Engel folgt mit 22 Zählern Abstand an dritter Stelle.

Platztausch: Angemessen oder überzogen?

Die Plätze drei und vier machen bei der Punktevergabe 3 Zähler aus - und könnten unter Umständen die Meisterschaft entscheiden, wenn bei Topfavorit Preining und seinem Manthey-Porsche einiges schiefgehen würde. Die große Debatte nach dem turbulenten Samstagsrennen: War der Platztausch angemessen oder überzogen?

Keine Überraschung: Die Meinungen gingen auseinander. "Kann ich nicht nachvollziehen", sagte Engel. "Er drückt mich in Turn 7 von der Strecke, lässt mir kaum Platz auf der Innenspur. Ich bremse das Auto ab, lasse rechts zur Linie noch etwas Platz. Aus meiner Sicht war das fair und sauber. Mein Auto war mehr als weit daneben am Einlenkpunkt."

Ganz anders Wittmann, der Engels Vorgehensweise als "ein bisschen zu ungestüm" bezeichnete und meinte: "Das war die richtige Entscheidung. Er hat den Angriff in Turn 8 gestartet und war zu spät auf der Bremse. Er ist weit gefahren und hat mich mit weit gefahren. Die Regel besagt, dass man sich Platz lassen muss. Im Prinzip ist er bis an die weiße Linie gefahren, sodass ich Off-Track gehen musste, auch, wenn da Asphalt ist. Auf anderen Strecken gibt's eine Mauer."

Fahrerlager-Insider waren sich ebenfalls uneins. Credo: Aus Fan-Sicht war der Platztausch mindestens diskutabel, aus Regelsicht wohl gerechtfertigt. Unterschied zum Finale 2025 an gleicher Stelle, als Wittmann und der spätere Meister Ayhancan Güven aneinandergerieten: Hier musste keines der beiden Autos die weiße Linie mit allen vier Rädern verlassen. Diskutiert wurde im Nachgang trotzdem fleißig...

Engel verliert greifbaren Sieg durch Boxenstopp-Debakel

Weniger strittig: Engel und Winward-Mercedes warfen am Samstag den fast schon sicheren Sieg selbstverschuldet weg. Der Pflicht-Boxenstopp bei Engel dauerte ewige 16,4 Sekunden, weil sich zunächst das rechte Hinterrad nicht festziehen ließ. Engel verlor dadurch drei Plätze und fiel vom ersten bis auf den vierten Platz zurück.

"Mir war sofort klar, dass bei dem Stopp etwas nicht geklappt hat. Meines Wissens ist so etwas noch nie vorgefallen", sagte Engel zu Motorsport-Magazin.com. "Der Safety-Pin ist gebrochen und heruntergefallen. Deshalb konnte das Rad auch nicht auf die Nabe fixiert werden." Es war mindestens das dritte Mal in der laufenden Saison, dass beim Winward-Boxenstopp etwas nicht rund lief.

Teamchef Christian Hohenadel sagte uns: "Der Stopp war aus meiner Sicht sehr ungewöhnlich, weil ich glaube, dass es kein Team- oder ein mechanischer Fehler war. Über Funk wurde mir mitgeteilt, dass das Rad zu 100 Prozent fest fixiert ist. Eine Standzeit von 16,4 Sekunden ist natürlich viel zu viel, aber morgen werden wir es wieder besser machen."

Preining kann schon Platz sieben zum DTM-Titelgewinn reichen

Zwar kamen sowohl Wittmann als auch Engel vor Preining (Platz fünf) ins Ziel und verkürzten den Rückstand - aber nicht ausreichend genug. Dem Manthey-Porsche-Fahrer reicht am Sonntag im Rennen schon der siebte Platz für den zweiten Titelgewinn nach 2023, wenn keiner der drei Fahrer Zusatzpunkte im Qualifying erzielt. Schnappt sich Preining die Pole, genügt Platz elf, um rechnerisch nicht mehr einholbar zu sein.

Der Österreicher, hinter Pole-Setter Luca Engstler (kann am Sonntag nicht fahren) und dem späteren Rennsieger Lucas Auer (erster Saisonsieg, aber keine Titelchance mehr) von Platz drei gestartet, erlebte ein echtes Achterbahn-Rennen. Im Startgetümmel kam er nach einem Kontakt mit Thierry Vermeulen wenig später von der Strecke ab und fiel nach weiteren Treffern bis auf P11 zurück, als rote Flaggen wegen des Engstler-Unfalls geschwenkt wurden.

Preining: "Mir ist am Anfang jeder in die Karre gefahren"

Danach kämpfte sich Preining dank eines sauberen Boxenstopps, starker Pace und nicht zuletzt einer Portion Mut zurück bis auf Rang fünf. Der Porsche-Werksfahrer war im Nachgang allerdings nicht begeistert von der aus seiner Sicht überharten Fahrweise einiger Konkurrenten: "Ich bin froh, überhaupt angekommen zu sein! Mir ist am Anfang jeder in die Karre gefahren. Das war nicht immer sportlich, aber zu erwarten."

Wer genau mit "jeder" gemeint war, wollte Preining lieber nicht verraten... Sein Renningenieur und Manthey-Rennleiter Patrick Arkenau sagte Motorsport-Magazin.com dazu: "Es gab Manöver, die für mich nicht okay waren. Das muss nicht sein. Natürlich ist es verlockend, reinzustechen. Aber in einer solch frühen Phase und gegen den Meisterschaftsführenden? Das hat immer einen faden Beigeschmack."

Der Manthey-Plan am Sonntag für das Projekt Titelgewinn: "Das Ziel ist nicht, den letzten Punkt über die Linie zu retten. Sondern, morgen wieder möglichst weit vorne zu stehen, ein sauberes Rennen zu fahren und eine gute Show zu bieten. Gerne auch mit fairen Zweikämpfen, aber einem Risiko, was der Situation angemessen ist."