Die Formel 1 erlebte in Ungarn im Rennen ein wahres Überrundungs-Chaos. Die Schlagzeilen dominiert natürlich dabei die Kollision des überrundeten Carlos Sainz mit dem um den Sieg kämpfenden Oscar Piastri, doch Piastri war bei weitem nicht der Einzige, der während des Rennens am Funk wegen Hinterbänklern explodierte. Schuld ist grundsätzlich ein Systemversagen - aber dass die Betroffenen dadurch so überfordert sind, kommt bei der Spitze gar nicht gut an.

Auf technischer Seite ging jedenfalls irgendwas in der F1-Zeitnahme schon nach knapp zehn Minuten im Rennen schief. Erst begann das Positions-System verrückt zu spielen und Autos an falschen Stellen auf der Streckenkarte anzuzeigen. Darauf folgten - womöglich als Konsequenz - ab 15:15 Uhr bereits die ersten blauen Flaggen, obwohl niemand ansatzweise davor stand, überrundet zu werden.

Für vier Minuten halluzinierte das automatische Warnsystem eine Serie an Überrundungen herbei und zeigte permanent inkorrekte blaue Flaggen auf den LED-Tafeln rund um die Strecke für beliebige Fahrer, ehe die Automatik um 15:19 Uhr für den Rest des Rennens deaktiviert wurde. Danach wurden die blauen Flaggen und Lichtsignale nur noch manuell von den Streckenposten gesteuert.

Formel-1-Hinterbänkler verzweifeln: Kein Plan bei Überrundungen

Eigentlich sollte das kein Problem sein. Andere Rennserien arbeiten immer so, und jahrzehntelang kam Motorsport ohne Automatik aus. Doch die daran gewöhnten Formel-1-Fahrer schienen in Ungarn schnell überfordert. Nicht zuletzt, weil das automatische System auf den LED-Tafeln nicht nur blau zeigt, sondern auch gleich die Nummer des betroffenen Fahrers. Bei ihm werden außerdem am Lenkrad automatisch blaue LEDs aktiviert.

Ohne die Automatik gab es keine Startnummern auf den Tafeln und keine LEDs im Cockpit, nur die manuell aktivierten blauen Tafeln. "Ich begann zum Beispiel gegen Isack [Hadjar] an der Boxenausfahrt zu kämpfen, aber ich war eine Runde hinten, das habe ich nicht gewusst", beschreibt es Esteban Ocon. Weil die Hinterbänkler 2026 extrem langsam sind - fünf Fahrer wurden sogar zweimal überrundet - bekamen sie praktisch permanent blaue Flaggen gezeigt.

"Es war ein Albtraum", meint Oliver Bearman. "Ich fahre durch die enge Passage hinten, da habe ich keine Zeit, um in den Spiegel zu schauen, und jede Runde hatte ich blaue Flaggen." Bearman kassierte eine 5-Sekunden-Strafe, weil er einmal Isack Hadjar zu lang im Weg stand. "Es war schwierig zu wissen, ob es für dich war, oder für das Auto hinter dir. Es war keine Absicht, ich bin eine Runde hinten, ich will nichts Böses tun, und es tut mir leid für alle, deren Rennen ich gestört habe."

Nur Bearman und Sainz bestraft - F1-Spitze in Ungarn fuchsteufelswild

Dass es nur Bearman und Sainz (für die Kollision) erwischte, kommt bei der Spitze nicht gut an. Mehrere Fahrer verloren am Funk kurz die Nerven. "Mann, was zur Hölle machen die da, das muss eine Strafe sein, das ist verdammter Wahnsinn, diese Schwachköpfe", platzte Max Verstappen neun Runden vor Schluss, als sich vor ihm die Racing Bulls mehrere Kurven lang beharkten und ihn einfach ignorierten.

Kurz darauf stand Gabriel Bortoleto für praktisch den ganzen Mittelsektor Kimi Antonelli im Weg, während der sich in einem harten Zweikampf mit Lewis Hamilton um den dritten Platz befand: "Mann, was macht Bortoleto verdammt noch mal? Er verteidigt sich!" Keiner dieser Fälle wurde geahndet oder untersucht.

Das brachte dann für Mercedes-Teamchef Toto Wolff das Fass zum Überlaufen: "Das ist das, was mich am grantigsten stimmt. Erstens sollte der Fahrer schon im Rückspiegel sehen, was passiert. Denn wenn hinter einem Audi plötzlich ein Mercedes ist, dann kann man vielleicht mitdenken."

Toto Wolff stocksauer: Amateurhaftes Formel-1-Mittelfeld

"Das Hauptthema ist aber, dass einige Ingenieure auf den Pitwalls Teletubbies sind und in den Himmel starren, anstatt ihren Fahrern zu sagen, dass da jetzt ein Zug kommt, der ums Podium fightet", wird Wolff im ORF-Interview deutlich. "Die sagen es den Fahrern einfach nicht. Einfach unfair."

Klar, Wolff - der vor seiner Mercedes-Zeit einst Teilhaber beim damals im Mittelfeld fahrenden Williams-Team war - räumt ein, dass auch die Nachzügler um etwas kämpfen. Bortoleto befand sich beispielsweise in einem Duell mit Arvid Lindblad um den letzten Punkt: "Ich weiß, wie es ist, wenn du um P10, P12, P8 kämpfst und alles gibst. Aber wenn es da vorn um wirklich was geht, dann ist der Ingenieur verpflichtet, dem Fahrer zu sagen, da kommt jetzt was. Dass das nicht passiert, ist einfach amateurhaft."

Auf Fahrerseite scheint die Episode offengelegt zu haben, wie stark sich Formel-1-Fahrer inzwischen auf die personalisierten Automatik-Flaggen verlassen. Erst recht, wenn man sich in einem Zweikampf befindet und nicht vom Lenkrad aufblicken möchte. Ohne die LED-Signale am Lenkrad funktioniert dann das Überrundenlassen natürlich nicht. Carlos Sainz verwies nach dem Rennen darauf als Grund, warum er Oscar Piastri völlig übersehen hatte.

Piastri war nach dem Rennen nicht in der Lage, dafür auch nur irgendwie Verständnis aufzubringen. Seine knallharte Abrechnung mit Sainz gibt es hier: