Nach Pace war Lando Norris ohne Zweifel der schnellste Fahrer, verdienter Polesetter und letztendlich verdienter Sieger bei der Formel 1 in Ungarn. Nach einem schlechten Start hatte er das Rennen jedoch nicht dominieren können. Oscar Piastri griff am Sonntag mit unterlegener Pace nach dem Sieg. Und beschwor strategische Gefahr. Dass Sainz Piastri aus dem Siegesrennen schoss, half McLaren, aber wie sehr?
Die erste zu klärende Frage ist: Hätte Piastri gewonnen, wenn er nicht erst von Carlos Sainz beim Überrunden gerammt und später mit einem Defekt ausgeschieden wäre? Dass er nach Pace der deutlich langsamere McLaren war, steht außer Frage. Piastri hatte nach einem verpassten FP1 in Ungarn nie in den Tritt gefunden. Im Qualifying war er zwar auf seinem letzten Q3-Versuch behindert worden. Aber davor war er schon konstant immer eine halbe Sekunde hinter Norris zurückgelegen.
Am Start holte sich der von Platz drei kommende Piastri die Führung mit viel Glück. Erst kam vor ihm Charles Leclerc beim Erlöschen der Lichter nicht in die Gänge. Dann rutschte Norris nach zwei Kurven einmal zu oft zu weit raus. Piastri schlüpfte durch die offene Tür und biss sich auf dem ersten Platz fest.
Piastri langsam - aber das ist in Ungarn gegen Norris schnell genug
Dabei war er nur alles andere als dominant. Auf dem Start-Medium hatte er Norris bis zum ersten Boxenstopp noch halbwegs unter Kontrolle. Dann aber bekamen beide für die Stints zwei und drei harte Reifen. Der bot in Ungarn an einem Rennwochenende mit unerwartet niedrigem Gripniveau sowieso schlechtere Performance als erwartet. Manche kamen damit noch zurecht. Piastri nicht: "Der Medium-Stint war okay, auf dem Hard war ich nirgends. Dass ich bei so schwierigen Umständen das halbe Rennen angeführt habe, war zumindest irgendwas Positives."
Norris demonstrierte das dahinter eindeutig. Kaum hatten beide auf Hard gewechselt, klebte er Piastri unter einer Sekunde im Heck, ließ nicht locker, schickte fordernde Funksprüche mit Teamorder-Unterton an die Box. McLaren weigerte sich. "Oscar hatte die Führung fair erobert, er hatte sich eine Sieg-Chance verdient", unterstreicht Teamchef Andrea Stella. "Auf anderen Strecken hätte Lando Oscar wohl überholt, aber hier ist das schwierig, weil du einen sehr großen Pace-Vorteil brauchst."
Piastri bekam in Runde 33 auch als erster Fahrer den zweiten Boxenstopp, um gegen einen drohenden Undercut von Lewis Hamilton abzudecken. Der endlich befreite Norris verschärfte dann auf seinen alten Reifen zwar das Tempo, kaum dass er freie Fahrt hatte, und dass er fast eine Sekunde schneller wurde, war beeindruckend - aber nicht schneller als Piastri auf neuen Reifen. Damit schien Piastri auf Kurs, seine Führung zu behalten.
Dann wurde Piastri in Runde 38 am Ausgang der zweiten Kurve beim Überrunden vom unachtsamen Carlos Sainz in einer, Zitat Piastri, "absolut dummen" Szene abgedrängt. Das addierte zwei Sekunden auf die davor bei 20 Sekunden schwebende Lücke zwischen den beiden McLaren. Die konnte Piastri in der darauffolgenden Runde gegen den zu starken Norris nicht mehr zurückerobern.
Norris stoppte am Ende von Runde 39. Bei einem Boxenstopp-Delta von ungefähr 21 Sekunden kam er perfekt vor Piastri wieder raus. Damit lässt sich zumindest eines sagen: Sainz hat Piastri den Platz gegen Norris gekostet. Aber für McLaren machte diese Szene den Tag um einiges angenehmer.
McLaren-Sieg in Ungarn mit Piastri als Führenden gefährdet?
Befreit fuhr der überlegene Norris innerhalb von 15 Runden 13 Sekunden auf Piastri heraus und garantierte den Piastri-Sieg. Piastri strauchelte. Als er in Runde 56 mit Getriebeschaden ausrollte, war er kurz davor, von Lewis Hamilton und Max Verstappen eingeholt zu werden. Seine schlechte Pace hatte ihn längst in eine sehr missliche Lage gebracht, und eigentlich schon seit dem Mittelstint auch McLaren in Bedrängnis gebracht.
Eigentlich war der zweite Stopp in Runde 33 von 70 bei Piastri schon gefährlich früh. McLaren hatte ihn aber stoppen müssen. Die Ferrari-Strategen - frustriert davon, dass sie seit dem Start durchweg hinter Max Verstappens unterlegenem Red Bull feststeckten - hatten nämlich in Runde 30 zum zweiten Mal an diesem Tag mit Hamilton einen maximal aggressiven Undercut gestartet.
Hätte Norris geführt, so hätte er Ferrari vom Start weg maximal für ihr Red-Bull-Problem bestrafen können. Piastris schwacher Mittelstint sorgte jedoch dafür, dass Verstappen und Hamilton nur fünf respektive acht Sekunden zurücklagen. Hamilton fuhr mit seinen neuen Reifen sofort über eine Sekunde schneller und zwang McLaren zu verfrühten Stopps, um sicherzustellen, dass beide Fahrer vor Hamilton blieben.
So tauschte McLaren die Ferrari-Gefahr nun jedoch gegen eine Mercedes-Gefahr. Dort arbeitete man seit dem ersten Stint mit dem auf Platz 6 steckenden Kimi Antonelli an einem Reifen-Offset. Zweimal ließ man ihn ewig lang draußen, um den letzten Stint maximal zu verkürzen und ihm eine Chance zu geben, den letzten Reifensatz über nur 16 Runden maximal auszuquetschen.
Bei Mercedes rechnete man sich mit dieser Taktik tatsächlich Chancen auf P2 aus, ehe ein spätes Virtuelles Safety Car noch einmal alles auf den Kopf stellte. Nur Norris war außer Reichweite. Wenn Norris aber auch im letzten Stint hinter Piastri festgesteckt wäre? Antonelli kam nach seinem Stopp 16 Runden vor Schluss mit 16 Sekunden Rückstand zurück auf die Strecke und war sofort zwei Sekunden schneller als Piastri, der seit seinem zweiten Boxenstopp nicht und nicht in der Lage war, konstant schneller als 1:24,5 zu fahren.
Auch neue Formel 1 kann in Ungarn nicht überholen
Damit hatte Antonelli schon in den letzten acht Runden vor seinem letzten Stopp auf alten Reifen gar keine Zeit mehr auf den neu bereiften Piastri verloren. Ein signifikantes Problem hatte Antonelli jedoch. Ihm standen eine Vielzahl an Autos im Weg. Charles Leclerc, Max Verstappen und Lewis Hamilton musste er erst einmal überholen, ehe er überhaupt einen McLaren vor sich haben würde.
Diese Autos waren ungünstig gestaffelt. Der wie Piastri sehr blasse Leclerc schien leicht angreifbar, dann wurde es schwierig. Nächster war Max Verstappen, der auf dem Soft-Reifen einen sehr guten letzten Stint fuhr und sogar zu Hamilton aufschloss. Hamilton hingegen hatte nach dem sehr frühen zweiten Stopp sein Pulver verschossen und tat sich schwer, an Piastri heranzukommen.
Damit waren Piastri, Hamilton, Verstappen und Antonelli - die nach Pace genau in der falschen Reihenfolge lagen - prädestiniert für einen "Overtake-Zug", den inoffiziellen Nachfolger des DRS-Zuges. Und Überholen war in Ungarn nicht leicht. Lando Norris musste in Runde 46 etwa nach seinem zweiten Stopp den noch auf alten Reifen fahrenden Antonelli überholen. Selbst mit fast zwei Sekunden Pace-Vorteil war das eine knappe Sache.
"Ich glaube ehrlich, hätte ich dich in der Runde nicht überholt, wäre ich hinter dir steckengeblieben", meinte Norris nach dem Rennen im Cooldown-Raum zu Antonelli. So wäre es wohl auch Antonelli hinter Verstappen ergangen. Selbst wenn er es geschafft hätte - bis zu McLaren musste er mehrere Autos überholen. Selbst mit Piastri an der Spitze hätte McLaren wohl einen Sieg geholt.



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