Bisher sieht es in Singapur sehr gut aus für Max Verstappen. Der Red-Bull-Pilot hat in jeder Wettbewerbs-Session - Sprint-Qualifying, Sprint und Qualifying - bisher den ersten Platz geholt und startet damit im Rennen erneut von der Pole. Hinter ihm lauern heute zwei Ferrari. Dieser Doppelschlag kann Verstappen nur gleich doppelt gefährlich werden.

Das mag man auf dem ersten Blick in Singapur nun nicht denken. Der Marina Bay Street Circuit gehört zur unrühmlichen Gruppe jener Stadtkurse, auf denen in der Formel 1 wenig bis gar nicht überholt werden kann. "Es gibt einen Platz, wo du nahe rankommen kannst für ein Manöver", beschreibt es Lewis Hamilton. "Und andere Stellen, wie Kurve 16, da ist eine Kuppe mitten auf der Strecke, da funkt es, weil die Strecke nicht wirklich flach ist." Ausgerechnet in einer Bremszone.

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"Und auch mit dem Overtake-Modus aktuell, der bringt hier fast nichts", ergänzt Verstappen, dass selbst die zusätzliche Elektro-Power für Fahrer innerhalb einer Sekunde des Vordermannes nicht reicht. "Du gewinnst nicht wirklich auf den Geraden." Traditionell ist in Singapur davon auszugehen, dass der Hintermann jenseits der eineinhalb Sekunden schneller fahren können muss, um überhaupt auch nur über eine Attacke nachdenken zu können.

So ist Verstappen als Polesitter in einer komfortablen Ausgangsposition, wie man es sonst nur in Monaco ist. Er muss nur am Start vorne bleiben. Und das ist bei nur 177 Metern bis zur ersten Bremszone und generell besserem Grip auf der Pole-Seite der Startaufstellung eine einfache Aufgabe. Oder zumindest sollte es eine einfache Aufgabe sein. Nur ist da der Red Bull.

Problem-Starter Max Verstappen gegen Raketen-Starter Ferrari

Schon im Sprint war Verstappen nicht in Fahrt gekommen: "Wie immer, es zieht einfach von der Linie weg nicht an. Macht es einfach nicht." Das ganze Jahr schon hat Red Bull Probleme damit, konstante Starts umzusetzen. Das liegt dabei nicht einmal direkt am ersten selbst gebauten Motor. Den haben auch die Racing Bulls, und die starten oft sogar gut. Bei Red Bull lässt das ganze System keinen Raum für selbst die kleinsten Fehler. Das Einkuppeln ist viel zu sensibel, die Prozesse sind zu filigran.

Verstappen startete zuletzt in Singapur von Pole und kam als Dritter aus der ersten Runde zurück. Im Sprint am Samstag startete er von Pole und kam als Zweiter aus der ersten Runde zurück, ehe George Russell vor ihm crashte und ihm den Sprint-Sieg schenkte. Entsprechend zynisch kommentierte er danach seine Pole-Chancen: "Wir müssen natürlich danach wieder starten. Und bis jetzt haben wir immer üble Starts."

Dass sich das Auto vor ihm nach einer Runde selbst in die Wand dreht, darauf kann Verstappen nicht in jedem Rennen bauen. Verliert er heute erneut die Führung schon in der ersten Kurve an einen Ferrari, könnte er geliefert sein. Die Ferraris sind der Gegenpol zu den Red Bulls. Sie starten meist pfeilschnell. Sowohl der auf P2 lauernde Charles Leclerc, als auch der auf P3 wartende Lewis Hamilton.

Hamilton war im Sprint gar auf den ersten Metern von P6 auf P3 vorgestürmt. Aber er macht vor dem Rennen ein Problem aus: "Das war natürlich im Nassen. Wenn es trocken ist, dann ist das ganz anders. Und ich denke, das Rennen wird trocken." Die Wetterprognosen rechnet heute nicht mit Regen. Die letzten beiden Verstappen-Desasterstarts in Malaysia und im Sprint waren eben im Nassen. In den Trockenrennen von Baku, Madrid und Monza verlor er keine Plätze in der ersten Runde.

Kann Ferrari heute in Singapur die Strategie-Zange auspacken?

Ferrari hat aber noch mehr aufzubieten. Sie sind zu zweit. Verstappens Teamkollege Isack Hadjar startet nach einem von permanenten Technik-Gebrechen gezeichneten Samstag hoffnungslos aus der letzten Startreihe. "Es könnte Chancen für uns geben, zusammenzuarbeiten und Druck aufzubauen", meint Hamilton.

Auf dem Papier ist das in Singapur durchaus möglich. Es ist ein Einstopp-Rennen, aber vor allem, weil jeder Boxenstopp über 28 Sekunden kostet und man bei einem zweiten Stopp die Einstopper selbst mit Pace-Vorteil aus den eingangs dargelegten Gründen nicht überholen kann. Der Reifenabbau ist aber ausreichend, um mit einem früheren Stopp den Vordermann per Undercut unter Druck zu setzen. Erst recht, da Pirelli einen Start auf Soft empfiehlt. Der sollte deutlich besseres Grip-Niveau bieten.

Ferrari ist in der glücklichen Lage, die Strategie splitten zu können. Ein Fahrer kann mit einem frühen Stopp die Undercut-Attacke gegen Verstappen reiten, der andere draußen auf eine Neutralisierung pokern. Die Wände sind in Singapur schließlich nahe. Safety Cars sind wahrscheinlich.

Verstappens Gegenangriff mag sein, in Führung liegend das Tempo niedrig und damit das Feld kompakt zu halten. Wenn die Lücke zum Mittelfeld sich nur langsam öffnet, kann Ferrari aufgrund des Verkehrs der langsamen Autos keinen Undercut riskieren. Die berühmte Strategie des Singapur-Bummelzuges. Oder aber Verstappen fährt schnell, fährt davon und aus dem Undercut-Gefahrenbereich. Ob er hierfür ausreichend Rennpace-Vorteil hat, ist unmöglich zu sagen, nachdem der Sprint im Nassen stattfand und das einzige Training kaum repräsentative Zeiten produzierte.

Was kommt heute von McLaren und Mercedes?

Der Start wird so oder so eine Vorentscheidung liefern. Glück oder Pech mit den von allen erwarteten Safety Cars mag ebenso eine Rolle spielen. Kimi Antonelli und McLaren sind vollends von diesen beiden Faktoren abhängig, nachdem sie nur von den Plätzen vier, fünf und sechs losfahren. Kommen sie aus der ersten Runde auf diesen Plätzen wieder zurück, wird ihr Tag bei regulärem Rennverlauf ein langer.

Beide Teams präsentierten am bisherigen Wochenende wenig beeindruckende Leistungen. Der nach wie vor mit dem fragwürdigen jüngsten Mercedes-Update fahrende Antonelli vermeldete diesbezüglich nach dem Qualifying erste Fortschritte. Das Hauptproblem ist ein sehr kleines und schwer zu treffendes Balance-Fenster. Dem mag er im Qualifying nähergekommen sein.

Ob das auch für das Rennen gilt? Nach dem Qualifying gestand Antonelli schließlich, dass die Balance im Verlauf der Session sensibel auf sich ändernde Bedingungen reagierte. In einem langen und langsamen Rennen wie Singapur ändern sich Reifenzustand und Streckengrip für fast zwei Stunden kontinuierlich.

Bei McLaren sind Lando Norris und Oscar Piastri wieder eng beieinander. Nachdem sie sich in so einer Position im Sprint rausschossen, bekamen sie von Teamchef Andrea Stella direkt eine ordentliche Abreibung. Performance-technisch ist der MCL40 in Singapur besser als zuletzt, aber nicht gut genug, um aus eigener Kraft vorn zu kämpfen. Wie Antonelli sind Norris und Piastri Außenseiter und brauchen Hilfe der Umstände.

Motorstrafen-Opfer George Russell spielt keine Rolle. Er wird im besten Fall - sollte Fernando Alonso wie angekündigt eine Motorstrafe ziehen und ausreichend Teile tauschen - vom 20. Startplatz losfahren. In Singapur ist das vor dem Start schon klar Game Over. Außer das Rennen gerät völlig aus den Fugen.